Donnerstag, 30. Juli 2009

Heit gemma nach Wien - Teil 1 :: Vienna Calling - Part 1

Die Richterin hat vier Tage damit verbracht, durch Wien zu schwimmen. Mehr muss an dieser Stelle zum Wetter nicht gesagt werden, es war nämlich äusserst konstant... :-(

The Richterin spent four days swimming across Vienna. No need to say anything else about the weather as it was very consistent... :-(


1. Tag (23. Juni 2009) / Day 1 (23rd June 2009)


Erste Station: Hotel Capricorno / First Station: Hotel Capricorno

Welcher Begriff passt nicht zu den anderen?

a) Schimmelbefall
b) Nachtlärm
c) Viersternhotel
d) Wannenlosigkeit

(Okay, der Begriff "Wannenlosigkeit" findet sich als einziger in keinem Wörterbuch, aber das ist hier nicht gemeint...)

Which of the following terms does not belong?

a) Mould Attack
b) Nightly Noise
c) Four Star Hotel
d) Tublessness

(Alright, "tublessness" is the only term that can't be found in any dictionary, but that's not what is meant here...)



Zweite Station: Restaurant Figlmüller / Second Station: Restaurant Figlmüller

Ihrer Website zufolge garantieren Figlmüllers ihren Gästen "gastronomische Manufaktur auf höchster Ebene", die man mindestens drei Tage zum Voraus reservieren muss. Es sei denn, man latscht einfach ins Lokal hinein und setzt sich an einen der erstaunlich unreservierten Tische, wo man sich fakultativ von den mit Gastro-Kritiken (u. a. von Gault-Millau) tapezierten Wänden beeindrucken lassen kann. Die Artikel besagen einhellig, dass man bei Figlmüllers die besten Schnitzel Wiens bekommt. Was man dort leider nicht bekommt, ist etwas Anständiges zu trinken. Der Richterin wurde die über alles geliebte Cola nämlich genauso verweigert wie Herrn Papa das Bier. Fazit: 2 dl Traubensaft sind für ein wagenradgrosses (und trotz Gault-Millau'scher Lobeshymnen eher fad schmeckendes) Schnitzel, das während des gesamten Vertilgungsprozesses andauernd irgendwo über den Tellerrand hängt, eindeutig zu wenig. Dafür waren die Preise (zumindest für Schweizer Verhältnisse) erstaunlich moderat.

According to their website, the Figlmüllers guarantee their guests a "top-level gastronomic manufacture" that one has to book at least three days in advance. Except, of course, one just walks straight into the restaurant and sits at one of the amazingly unbooked tables where one can optionally get impressed by the walls papered with restaurant reviews (including one from Gault-Millau) unanimously praising the restaurant as the place where you can get the best schnitzels in Vienna. However, what you won't get there is a decent drink. The Richterin was denied her beloved Coke in the same manner her father was denied his glass of beer. Resume: Two decilitres of grape juice is definitely not enough for a wagon wheel sized (and - despite Gault-Millau hymns of praise - rather favourless) schnitzel that was constantly hanging over the edge of the plate during the whole process of devouring. On the positive side, prices were surprisingly moderate (at least by Swiss standards).
Dritte Station: Stephansgruft / Third Station: St Stephen's Crypt

Zweifelsohne um Längen besser als Figlmüllers Schnitzel. Zu ihrem Erstaunen wurde die Richterin auf ihrem Gang durch den "Gnagi-Chäuer" (O-Ton Papa) von der Erzeugerfrakton begleitet. (Für alle Freunde des Berndeutschen und die, die es noch werden wollen: Ein "Chäuer" ist ein Keller, und ein "Gnagi" ist die schweizerische Version des Eisbeins. Der Ausdruck ist eine Abwandlung der um einiges bekannteren "Gnagi-Hoschtet" (Hoschtet = Hofstatt), also einem Friedhof.) Letztere befürchtete wohl, dass sich die Richterin sonst wohl gleich dort unten einmieten würde. Ganz unberechtigt waren diese Befürchtungen in der Tat nicht, denn gemütlicher als das "Capricorno" waren die Grüfte allemal. Anstatt nach Schimmel roch es angenehm nach Moder, die Ruhestätten sahen um einiges bequemer aus als das King-Size-Bett mit durchgelegener Matratze, und die Sargnachbarn machten einen äusserst ruhigen Eindruck. Bloss fotografieren durfte man sie leider nicht.

Definitely way better than the Figelmüllers' schnitzels. To her surprise, the Richterin was accompanied by her parents on her way through the crypts. They were probably afraid that the Richterin might take lodgings down there. I must admit that those kinds of fears were not quite unjustified as the crypts were definitely cosier than the "Capricorno". They smelled pleasantly of must instead of mould, the resting places looked far more comfy than the saggy king-sized bed, and the next-casket neighbours appeared to be very quiet. Unfortunately, taking pictures of them was not allowed.


Vierte Station: Prunksaal der Nationalbibliothek / Fourth Station: Splendor Hall of the National Library

Also die Dreistigkeit, den Leuten sieben Euronen für den Besuch eines einzigen Raumes abzuknöpfen, hat ja schon fast etwas Bewundernswertes, zumal letzterer ausser ein paar (okay, ziemlich vielen) verstaubten Buchrücken und der in Wien allgegenwärtigen Barockarchitektur rein gar nichts zu bieten hat. Die Wiener Gastfreundschaft ist in den sieben Öcken übrigens auch nicht inbegriffen; jedenfalls wurde Frau Mama von einer Aufseherin angeblafft, weil sie mit dem Ellenbogen eine der (alles andere als antiken) Ausstellungsvitrinen berührt hatte. Kaum fünf Minuten später kassierte die Richterin von der selben Dame einen Anschiss, weil sie mit ihrem iPhone ein Faksimile einer mittelalterlichen Buchseite fotografieren wollte (was sie dann selbstverständlich auch tat, sobald sich der uniformierte Kampfhund in sein nächstes Opfer verbissen hatte.) Gemäss Information am Eingang war das Fotografieren ohne Blitz übrigens ausdrücklich erlaubt. Vielleicht sollte man in dem Prunksaal mal ein paar Tollwutköder auslegen...

The National library is almost admirable in their cheek to charge seven euros for the visit of a single room - above all because there is not much to see except for the rococo kitsch you can find all around Vienna. Not included in the price of seven quid is the Viennese hospitality; at least my mom was snapped at by one of the attendants for touching one of the (anything but antique) display cases with her elbow. Barely five minutes later the Richterin got bawled out by the same lady for trying to take a picture of a facsimile of a medieval book page with her iPhone (what she naturally did as soon as the uniformed attack dog had sunk her teeth into her next victim). According to the information at the entrance, flashless photography was explicitly permitted. Maybe they should put down some rabies vaccine baits inside the Splendor Hall...

Freitag, 19. Juni 2009

Town Trek :: Town Trek

Bern - unendliche Weiten (52 Quadratkilometer, um genau zu sein). Dies sind die Abenteuer der Richterin und ihrer Billigkamera, die viele Lichtjahre (oder auch nur drei Kilometer) von ihrer Haustür entfernt unterwegs sind, um fremde Welten zu entdecken, unbekannte Lebensformen und neue Zivilisationen. Die Richterin dringt dabei in Gegenden vor, die sie nie zuvor gesehen hat. (Was ziemlich peinlich ist wenn man bedenkt, dass sie nun schon seit fast zehn Jahren am selben Ort wohnt.)

Berne - the final frontier. These are the voyages of the Richterin and her cheapcam. Their Saturday afternoon mission: to explore strange new worlds, to seek out new life and new civilizations, to boldly go where they haven't gone before. (Which - considering that the Richtin has been living in the City of Berne for almost ten years now - is quite an embarrassment.)
Aareufer und Blutturm / River Bank of the Aare and Blood Tower Der Blutturm steht am rechten Aareufer und wurde im dritten Viertel des 15. Jahrhunderts zur Verteidigung der Altstadt gebaut.

The Blood Tower is located on the right river bank of the Aare. It was built in the third quarter of the 15th century for the defence of the Old Town of Berne.
Blick vom Berner Münster / View from the Cathedral of Berne

Die Richterin hat es an jenem Samstag wider Erwarten geschafft, eine Kirche zu betreten, ohne dabei zu Staub zu zerfallen, in Flammen aufzugehen oder gar von ihrem Unglauben abzufallen. Bei der Kirche bzw. Kathedrale handelt es sich um das Berner Münster, das zwischen 1421 und 1590 erbaut wurde. Wer masochistisch veranlagt ist oder sonst gerade nichts Besseres zu tun hat, der kann die 344 Steinstufen auf den gut 100 Meter hohen Turm hinaufsteigen und wird bei schönem Wetter mit der obigen Aussicht belohnt. Auf dem oberen Foto sieht man die Münsterplattform und das Aareufer, das untere zeigt die Berner Altstadt.

On that Saturday, contrary to expectations, the Richterin managed to enter a church without crumbling to dust, bursting into flames or even losing her unbelief. The church or the cathedral is the Münster of Berne that was built between 1421 and 1590. People who are masochistically inclined or have nothing better to do, can climb the 344 stone steps up to the more than 100 metre high spire where - during good weather - they are rewarded with the above view. In the upper picture you can see the Münsterplattform and the Aare, the lower picture shows the Old Town of Berne.
Oben: Statuen beim Hauptportal des Berner Münsters / Above: Statues in the Main Portal of the Münster of Berne

Transkription / Transcription:

"die dorachten kumet ze spat
der brutga die tur beschlosse
hat er ket uch nit wer ir sint
den uwer ampeln enkei schit"

"Ach und we daz
wir ouch mit ole had
gend uns zo kouffen
dz wir mit uch ihe gad"

"unser oel ist nit feil
das irs wol verstant
gond reichendtz bi
de koffer dies feil hant"

"forsichtich küsch und
wysz yr ghewesen synt
ghant har in froinde tzo
wwere ghemal marie kint"


Übersetzung / Translation:

"Die Törichten kommen zu spät; der Bräutigam hat die Tür zugeschlossen. Er erkennt euch nicht, denn von euren Lampen scheint keine einzige."
"The foolish are coming too late; the bridegroom has locked the door. He does not know you, for none of your lamps is giving light."

"Ach wenn wir doch auch Öl dabei hätten. Verkauft uns welches, damit wir mit euch hineingehen können."
"If only we had some oil with us, too. Sell us some, for we can go in with you."

"Unser Öl steht nicht zum Verkauf, damit ihr es recht versteht. Geht und holt es bei den Händlern, die es verkaufen."
"Our oil is not for sale, just so you get it right. Go and get it from those who sell it."

"Voraussichtig keusch und weise seid ihr gewesen. Geht hin in Freude zu eurem Gemahl, dem Kind Marias."
"Forethoughtfully chaste and wise you have been. Go forth in joy to your husband, Maria's son."


Hintergrund / Background:

Die Figuren mit ihren Inschriften sind eine skulpturelle Darstellung des Gleichnisses von den klugen und törichten Jungfrauen und sind häufig an den Portalen mittelalterlicher Kathedralen anzutreffen.
The statues with their inscriptions are a sculptural illustration of the Parable of the Ten Virgins and can be frequently encountered in portals of medieval cathedrals.
Oben: Statuen im Innern der Kathedrale / Above: Statues inside the Cathedral

Transkription / Transcription:

"nach xp gheburt mccccxxi jar
ward an disser kilche gheleit dr erst
stein ist am xi tag mertze gheschen."

"us warer schrift afag diser stat
die hertzich perhtold von
tzeringhen ghestiftet ha
nach xps gheburt mclxxxxi
jar ghelobe wir es ist war"


Übersetzung (sinngemäss) / Translation (gist):

Am 11. März 1421 wurde der Grundstein zu dieser Kirche gelegt.
On March 11th 1421, the first stone of this church was laid.

Wir geloben, dass es wahr ist, dass Herzog Berchtold von Zähringen im Jahr 1191 diese Stadt gegründet hat.
We swear it is true that Duke Berchtold of Zähringen founded this city in the year 1191.


Hintergrund / Background:

Zum Berner Münster: http://de.wikipedia.org/wiki/Berner_Münster
Regarding the Cathedral of Berne: http://en.wikipedia.org/wiki/Münster_of_Bern

Zur Stadt Bern: http://de.wikipedia.org/wiki/Bern
Regarding the City of Berne: http://en.wikipedia.org/wiki/Bern

Zu Berchtold von Zähringen: http://de.wikipedia.org/wiki/Berthold_V._(Zähringen)
Regarding Berchtold of Zähringen: http://en.wikipedia.org/wiki/Berchtold_V_of_Zähringen
Oben: Gedenktafel im Berner Münster / Above: Memorial Plaque in the Münster of Berne

Transkription / Transcription:

"Ano dni 1476 ut dei
zechen dusent ritter dag ward erschlage an dem strit vor
murte der edel streng
her hans schnewly vo landeg ritter dem got genedig sy"


Übersetzung / Translation:

"Im Jahr 1476, am Zehntausend-Ritter-Tag, wurde an der Murtenschlacht der vortreffliche und starke Hans Schneuwly aus Landegg erschlagen, Ritter, dem Gott gnädig sei."
"In 1476 on Ten Thousand Knights' Day,the excellent and strong Hans Schneuwly of Landegg, knight on whom God may have mercy, was slain in the battle of Morat."


Hintergrund / Background:

Mit dem Zehntausend-Ritter-Tag ist der 22. Juni gemeint, der kirchliche Gedenktag der Legende von den Zehntausend Märtyrern. Am 22. Juni 1476 fand die Schlacht bei Murten statt, in der die Truppen der Eidgenossenschaft das Heer von Karl dem Kühnen besiegte und so die Burgunderkriege beendete. Offenbar war Hans Schneuwly einer von 410 Eidgenossen, die in der Schlacht den Tod fanden.
The Ten Thousand Knights' Day refers to the 22nd of June, the church day of remembrance of the Legend of the Ten Thousand Martyrs. On 22nd June 1476, the Battle of Morat was fought in which the Swiss army defeated the Army of Charles I, Duke of Burgundy and thus ended the Burgundian Wars. Apparently, Hans Schneuwly was one of 410 Swiss who met their death on the battlefield.